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Ich heirate Deine Familie

… oder: Wie komme ich an einen Rentner-Führhund?

    

Vorab: Rentner-Führhunde sind recht begehrt.


Es sind meist ältere Hunde mit ausgebildetem Charakter, mit dem man mehr oder weniger leben muss.

Die Hunde sind in der Regel gut verträglich gegenüber anderen Menschen und Tieren. Sind angenehme
Begleiter, erfahren im Umgang mit vielen Situationen im Alltag, neugierig entsprechend ihrem Allgemeinzustand und
anpassungsfähig.

    

Sie sind Hunde, und sollen das auch noch ein bisschen erleben dürfen.
Sie sind Rentner und sollen das auch genießen dürfen.
Sie sind vielleicht auch krank oder können es werden; dann sollen sie die für sie notwendige und
sinnvolle Fürsorge erfahren, dabei aber auch älter werden dürfen.


Nachfolgend zwei Geschichten, die vielleicht schon erste Fragen klären können.
Falls Sie weitere Fragen haben, helfen wir Ihnen gerne weiter.

    


Unser erster Rentner-Führhund:

    

Wir selber hatten jahrelang zwei Familienhunde, haben mit denen auch viel draußen unternommen,
solange die ältere Hündin mit konnte. Nach dem Tod der fast 16 Jahre alten Schäferhündin hatten wir ca.
5 Monate nur unseren damals schon 8 Jahre alten Labirüden. Wir hätten uns tatsächlich nicht aktiv um
einen zweiten Hund umgesehen, bekamen aber dann eine Anfrage nach einem Ruhestandsplatz für einen
älteren Führhund. Der Hund war knapp älter als unser Familienhund, und es dauerte nicht lange bis wir
sagten, wie probieren es einfach mal. Falls sich die Tiere (die Hunde und unsere beiden Katzen) vertragen
würden, könnten wir ja wieder einen zweiten Hund aufnehmen.

    

Wir konnten ganz schnell ein Treffen mit dem Rentenanwärter und seinem Frauchen machen, trafen uns
auf neutralem Grund. Die Situation zwischen den Tieren war leicht angespannt, aber keinesfalls so, dass
wir daran gezweifelt hätten, ein weiteres Treffen, diesmal bei uns, zu vereinbaren. Heute denke ich mir,
damals wussten halt alle Beteiligten, dass eine Veränderung im Leben anstehen würde, keiner konnte
ganz sicher gehen, dass das der richtige Weg sein würde.

    

Zwei Wochen später holte ich „unseren neuen Hund“ am Bahnhof ab, der kam mir, mit dem Frauchen am
anderen Ende der Leine, schon schwanzwedelnd entgegen. „Unseren Hund“ hatte ich für die ersten
Minuten zusammen mit dem Herrchen auf’s Feld verbannt. Wir wollten dem Neuen erstmal die Chance
geben, sich in Ruhe bei uns umzusehen, vielleicht hätte es ihm ja gar nicht gefallen.
Er stand damals zum ersten Mal vor unserer Haustüre; gleichzeitig aber so, dass wir das Gefühl hatten,
für ihn wäre das ganz gewohnt, eine Haustüre, durch die er schon immer gegangen ist… 
Noch beeindruckender: Unser kleiner Kater, ansonsten fremden Menschen und Tieren gegenüber eher
skeptisch, lag auf dem Sofa, während sich der Neue in der Wohnung umsah. Die Katze lies sich gleich
schon ersten Moment an von vorne nach hinten abschnüffeln und blieb seelenruhig liegen. Uns Menschen
blieb damals fast die Luft weg vor Staunen.


Anschließend gingen wir dann auch auf’s Feld, um ein bisschen Auslauf zu haben und den Rest der neuen
Familie kennen zu lernen. Es war ganz schnell klar, dass das die neue Familie werden würde.

Der Hund blieb also (schneller als gedacht!); das Frauchen musste allein den Weg zurück in die Stadt
antreten. Für den Hund war das neue Leben anders als das Vorherige: Er war als Tier nicht allein, war auf
dem Land, konnte ein und aus wie er wollte, konnte seelenruhig Mauslöcher buddeln und Blätter auf dem
Wasser beobachten.

    

Unsere Bedenken, den Hund zu entwurzeln, seinen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können waren
ganz schnell weg. Wir konnten miterleben, wie der Hund einfach Hund sein konnte. Natürlich musste /
durfte der auch ein paar Unsitten ausleben. Es gibt ein paar Stellen abseits unserer Spazierwege, die er
weitaus spannender fand als die Wege selbst. Er musste die Hühner beim Bauern ansehen, oder Ponies
auf der Weide beobachten. Warum auch nicht. Wir konnten absehen, dass die Gegend ansonsten nicht
gefährlich war und konnten uns drauf verlassen, dass er in spätestens 10 Minuten wieder bei uns war.

Ein Ausflug in die Stadt, um ihn ein bisschen an Gewohntes zu erinnern macht mir nachträglich noch zu
schaffen: Stadtleben mit vielen Leuten, Hektik, Baustellen, viel Verkehr, lauten Geräuschen; das war
nicht mehr Seins. Es war ganz deutlich zu spüren, dass er sich hier überhaupt nicht mehr wohl fühlte. Wir
sind dann auch gleich heim und zum Ausgleich ein bisschen ans Wasser ;-)).

    
Senior springt im Gras
    

Bild 1: Renter-Führhund springt im Gras

    

Wir konnten noch 1 ½ Jahre mit diesem tollen Hund leben, eine Zeit, in der wir viele neue Eindrücke und
Erfahrungen haben sammeln können.


Ich glaube nicht, dass der Hund hier sein Vorleben als Arbeitshund in der Großstadt vermisst hat.
Sein Frauchen hat ihn aber sehr vermisst, obwohl wir sie mit vielen Berichten über das Rentnerleben auf
dem Laufenden gehalten haben. Waren halt doch auch sehr intensive Jahre, die sie vorher mit dem
aktiven jüngeren Hund erleben durfte.

    

Senior am Bach mit Spiegelbild

    

Bild 2: Rentner-Fürhund und sein Spiegelbild im Wasser

    
    

Unser zweiter Rentner-Führhund:

    

Nach den wirklich tollen Erfahrungen mit dem ersten Rentner war schnell klar, dass wir zu unserem jetzt
auch schon älteren Familienhund wieder einen Rentner-Führhund aufnehmen würden. Wir haben nicht
aktiv gesucht, es hatte sich aber natürlich rumgesprochen, dass wir vermutlich nochmal so einen Hund
aufnehmen würden. Irgendwann kam dann tatsächlich nochmal eine Anfrage, wir zögerten gar nicht
lange, sagten gleich: „Probieren, wenn sich die Tiere einig sind, die Menschen werden es auch…“

    

In dem Fall war das nicht ganz so einfach, der Hund und seine Familie waren in der westlichen Ecke
Deutschlands. Trotzdem trafen wir uns mal hier, zum gegenseitigen Beschnuppern und nach fast einem
halben Jahr hatten wir hier wieder zwei Hunde, diesmal mit knapp 12 und knapp 11 Jahren.

Unser zweiter Rentner war vom Wesen her ein ganz anderer Hund: Viel eigenwilliger, viel
durchsetzungsfähiger, viel „stärker“. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis er sich damit abfinden konnte,
dass auch die Katzen zur Familie gehören.

    
Senior im Auto
    

Bild 3: Rentner-Führhund fährt gerne Auto

    

Er hatte sein Vorleben genauso wie der Erste einfach abgelegt und wollte nur noch Hund sein. Er
ignorierte andere Leute und Hunde draußen zuverlässig; man musste nur aufpassen, wenn der sich in einer
Pfütze abgekühlt hatte, konnte es schon passieren, dass er sich ein menschliches Hosenbein als Handtuch
gesucht hätte. Diese Besonderheiten hat man aber als Begleiter (in dem Fall) schnell drauf und kann das
Schlimmste verhindern.

    

Der Kontakt zur vorherigen Familie war vergleichbar gut. Verständlich, dass die Leute immer wissen
wollen, was aus ihrem geliebten, langjährigen Freund wird. Auf der anderen Seite will man auch als
Besitzer eines alten Hundes natürlich wissen, was der alles erlebt und erfahren hat, man mag die
Erlebnisse ja auch mit den Familien teilen, heiratet die Familie quasi gleich mit.

    

Ich denke, blinde Leute haben oft das Gefühl, den Hund „viel zu früh“ abzugeben.
Für einen, der so einen Hund aufnimmt kann es natürlich nicht früh genug sein.

    

Senior_1 am Kieshaufen  

    

Bild 4: Rentner-Führhund macht Pause in einer Kuhle am Sandhaufen

    


Älterer Familienhund vs. Rentner-Führhund

    

Wir hatten hier die tolle Gelegenheit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Familienhund und
Führhund erkennen zu dürfen. Nachfolgend nur ein paar Punkte, schließlich handelt es sich immer um
Individuen, unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse, Umfelder etc. Klar ist auch, dass alle Hunde auch
im Alter noch lernfähig sind, und bei zwei Hunden immer noch einer vom anderen lernen kann.

    

Unsere Rentner-Führhunde machten sich keine Türen selber auf. Sie blieben vor der angelehnten
Terrassentüre stehen und warteten, bis die Türe geöffnet wurden. Oft vom Familienhund, der sich dazu
erst von hinten nach vorne drängeln musste.

    

Beide konnten mit Spielen und Spielsachen nicht sehr viel anfangen, mag an der Generation gelegen sein;
mittlerweile dürfen Führhunde in der Ausbildung spielen und auch die blinden Menschen lernen sich so
mit ihren wertvollen Tieren zu beschäftigen.
Unsere Rentner machten Konfetti aus den Bällen, oder retteten Spielzeug gerade aus dem Wasser ans
Ufer, ließen es aber dann fallen, weil anderes interessanter war.

    

Senior mit rotem Spielzeug  

    

Bild 5: Rentner-Führhund mit Spielzeug in der Blumenwiese

    

Wir haben einen Parcours mit verschiedenen Hindernissen im Garten aufgebaut; darunter auch eine quer
liegende Stange im Abstand von knapp 20 cm zum Boden. Der Rentner war nicht dazu zu bewegen,
drüber zu springen. Erst hinterher ist uns eingefallen, dass er ja gelernt hatte, solche Hindernisse zu
umlaufen. Dieses Vorgehen hatte er auch nach seiner aktiven Zeit nicht abgelegt.

    

An einer Fußgängerhängebrücke in einem Erlebniswald konnten wir eine sehr interessante Erfahrung
machen. Die Hängebrücke ging über eine kleine Schlucht. Wir wetteten, unser Familienhund würde über
die Brücke gehen, der Rentner unten durch. Die Brücke bestand aus kleinen 4-kant Hölzern, die auf ein
Seil aufgefädelt waren. Gefährlich für die Tiere, sich da die Krallen zu verletzen. Es war dann tatsächlich
so, dass der Familienhund versuchte, über die Brücke zu gehen. Er wich aber zurück und nach zwei, drei
weiteren Versuchen nahm er den Weg über den Waldboden und die Schlucht. Der Rentner zögerte gar
nicht lange, ging souverän über die Hängebrücke.
Unser zweiter Rentner ging dieses gefährliche Strecke sogar im Anschluss daran gleich nochmal zurück,
der hatte damit anscheinend gar kein Problem.

    

Senior auf der Hängebrücke  

    

Bild 6: Rentnerführhund auf gefährlichem Untergrund

    

In dem gleichen Wald war ein Labyrinth aufgebaut aus Holzpflöcken und Querstangen dazu, ca.
kniehoch: Der Familienhund sprang kreuz und quer über diese Stangen. Der Rentner-Führhund suchte
seinen Weg, immer noch pflichtbewusst, vom Labyrintheingang bis zum Ausgang.

    


Fazit:


Das Zusammenleben mit einem älteren Führhund kann recht interessant und bereichernd sein.
Es ist auf alle Fälle ein Hund, ein Lebewesen, das einen artgerechten Lebensabend verdient hat.
Wenn die Chemie zwischen den Menschen und Tieren (ggf. noch anderen Haustieren) passt, ist die
Überlegung einen solchen Hund aufzunehmen sicher ein guter Gedanke. Schön und sicher einfacher ist
es, wenn der Hund in einem Haus mit Garten leben kann. Schön ist es auch, wenn jemand ganztätig Zeit
mit dem Tier verbringen kann und erkennen und drauf reagieren kann, wenn es dem Hund schlechter
geht. Es ist halt einfach so, dass solche Tiere alt sind und älter, ggf. auch kränker werden, und da sollten
sie alle Unterstützung haben, die sie bekommen können.



Autor: root -- 12.07.2012 18:39:25


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