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WO MURMELTIERE PFEIFEN UND LEITKÜHE MIT SICH REDEN LASSEN

 

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, sagt ein altes Sprichwort.
Davon ließen sich Dogxaid e.V. und der Deutsche Alpenverein/Sektion Pocking inspirieren. Die Zusammenarbeit beider Vereine beschränkte sich bis dato auf zwei Schneeschuhwanderungen für Blinde und Sehbehinderte mit ihren Führhunden im Bayerischen Wald.


Resultierend aus den gesammelten Erfahrungen reifte die Idee, auch eine gemeinsame Sommeraktivität zu organisieren.

Somit begann die Planung eines Wanderaufenthaltes in den Alpen mit dem Ziel, blinden Menschen sowohl das besondere Erleben auf einer Almhütte als auch spezielle Natureindrücke zu vermitteln und gemeinsam neue Herausforderungen zu meistern.

 

Schwierig war es, eine geeignete, kleine Unterkunft zu finden, in der die Hunde ebenfalls herzlich willkommen sind. Doch unsere „Alpies“ hatten auch hier ein grandioses Ass im Ärmel.

Somit machten sich acht Menschen (drei blind, fünf sehend) mit drei Führhunden vom 10. bis 12.09.2010 auf den Weg ins Salzburger Land.

 


WO MURMELTIERE PFEIFEN UND LEITKÜHE MIT SICH REDEN LASSEN

 

„Es gibt Tage, da wünscht’ ich, ich wär’ mein Hund“. Wie recht er doch hat, Reinhard Mey! Dann bräuchte ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was alles für so ein Wochenende in den Bergen mitzunehmen ist.
Regenbekleidung, festes Schuhwerk, Hüttenschlafsack (Bettbezug), Wechselsachen, Trinkflasche, Proviant, kleiner Wanderrucksack; Decke, Handtücher und Futter für den Hund – das ist nichts Außergewöhnliches. Komischer ist da schon das Gefühl, Anfang September Handschuhe, Mütze und Schal aus den Tiefen des Kleiderschrankes hervorzukramen.
Doch wir werden auf über 1.700 Meter Höhe unterwegs sein. Da muss man mit allem rechnen, zumal sich der Sommer leider schon aus dem Staub gemacht hat und die Wetterfrösche nicht viel Gutes versprechen.


Wie dem auch sei: Dem Gepäck mangelt es auch dieses Mal nicht an Gewicht und so manches Mitgeschleppte erweist sich letztlich – wie so oft – als überflüssig.

 

 

Freitag, 10.09.2010

 

Alex, Ella und ich treffen nach knapp 3-stündiger Autofahrt auf dem Peilsteingut von Familie Aichhorn in Kleinarl (Salzburger Land, ca. 1000 Meter hoch gelegen) ein. Es bleibt noch genügend Zeit, Sascha mit Bruno und Jacqueline mit Grace am Bahnhof in St. Johann abzuholen und uns ein wenig zu stärken. Franz, Christian, Frank und Albert vom Alpenverein komplettieren unsere Runde.
Bruno, Grace und Ella „erhimmeln“ sich auf dem Parkplatz noch Apfel- und Karottenstückchen und dann sind wir startklar.

 

Gabriela und Stefan Aichhorn fahren uns mit dem Auto zum Ausgangspunkt für den Aufstieg und unser Gepäck hinauf zur Hütte.
Die „Alpies“ haben vorher entschieden, dass wir auf der Almstraße nach oben laufen, denn der Weg durch den Wald ist nach dem Regen der letzten Tage zu rutschig. Außerdem bestehen ihrerseits ein paar Bedenken, ob diese Anforderungen für den Anfang für uns doch noch etwas zu schwierig sind.
Zwischendurch gönnen wir uns einige kleine Pausen zum Trinken und Verschnaufen, die letzten Sonnenstrahlen des Tages und die Ruhe ringsherum zu genießen, ein Schneefahrzeug anzufassen, verschiedene Enzianarten zu erfühlen und zu riechen. Bei einem dieser Stopps jagen sich Bruno, Grace und Ella über die Wiese und versehen ihre Kenndecken mit der Visitenkarte der hier recht zahlreichen Stacheldrahtzäune. Wie sich im Lauf des Wochenendes weiter bestätigt, ist Bruno gegenüber diesen Abgrenzungen vollkommen unerschrocken, was ihm schließlich den Spitznamen „Professor Stachelbär“ einbringt.


Uns trennen noch ein paar hundert Meter von der Weissenhofalm, als uns ein Auto entgegen kommt. Es ist der Hüttenwart Matthias Aichhorn. Er ist auf der Suche nach uns – offensichtlich waren wir länger unterwegs, als unsere Herbergseltern gerechnet haben. Beruhigt kehrt er um.
Wenig später haben wir’s geschafft! Um uns herum Natur pur, klare, kalte Luft. Die Stille wird lediglich vom Klang der Kuhglocken durchbrochen.

Wir werden von Anni und Matthias Aichhorn, welche das Haus bewirtschaften, mit offenen Armen empfangen. Sie strahlen vom ersten Augenblick an Herzlichkeit und ehrliche Gastfreundschaft aus. Ihr schmuckes Holzhaus, in dem wir bis Sonntag die einzigen Gäste sind, vermittelt sofort Urgemütlichkeit.

 

In der Gaststube lodert das Feuer im Kamin und uns erwartet ein stärkendes Abendessen – Hausmannskost vom Feinsten!

Danach beziehen wir in der oberen Etage Quartier. Zur Erleichterung von Jacqueline und Sascha kein Matratzenlager, sondern geräumige Zimmer mit mehreren Doppelstockbetten. Im Keller gibt’s die Waschgelegenheiten und Toiletten. Ella traut der glatten Holztreppe nicht; sie genießt es aber um so mehr, in Alex’ Armen nach oben oder unten getragen zu werden.

Wir beschließen den Abend in lustiger Runde und planen die für morgen anstehende Tour ein bisschen vor, sprechen über evtl. auftretende Schwierigkeiten oder Bedenken. Alle sind jedoch voller Erwartungen und freuen sich auf das gemeinsame Erlebnis!

 

Der harte Kern sitzt bis 02:30 Uhr beisammen. Diejenigen, die zu dieser frühen (oder späten?) Stunde schon schlafen, werden allerdings noch mal aus den Träumen gerissen: Mein Bett bricht beim Aufstützen an einer Ecke zusammen (ein Schelm, wer etwas anderes dabei denkt…) – Alex und ich können ein herzhaftes Lachen nicht zurückhalten…

 

 

Samstag, 11.09.2010

 

Schon am Morgen geht das Hüttenverwöhnprogramm für die Menschen los: Ein tolles Frühstück, u.a. mit Jogurt und Marmelade (beides hausgemacht), Obstsalat usw. Es fehlt an Nichts!

Bestens versorgt geht’s gegen 10:00 Uhr los. Die „Winterausrüstung“ können wir im Quartier lassen – das Wetter zeigt sich freundlich und die Sonne werden wir auch noch hervor locken!

Heute gibt es kein Schonprogramm – nichts von wegen Almstraße! Nein, wir gehen ins Gelände. Sascha, Jacqueline und ich haben stets einen der Sehenden als Begleiter an unserer Seite. Anfangs sind schmale Holzstege über moorigen Boden zu überqueren, danach geht’s schon recht steil aufwärts.

 

 

Franz lotst Sascha über moorigen Untergrund  

 

 

Bild 1: Franz lotst Sascha über einen schmalen Holzsteg. Bruno läuft nebenher.

 

Unsere erste Station ist nach relativ kurzer Zeit das Gipfelkreuz der Weissenhofalm. Die eingeritzte Schrift „A M A 1995“ ist gut zu fühlen.

 

 

Gipfelkreuz mit eingeritzten Initialen

 

 

Bild 2: Gipfelkreuz gegen blauen Himmel, die 2410 m hohe Ennskraxen und zahlreiche kleinere Bergspitzen.

 

Auf dem nächsten Stück des Weges versucht jedes Zweier-Team, die optimale Führtechnik herauszufinden, denn oft ist zu wenig Platz, um nebeneinander laufen zu können. Mitunter geht es über Stock, Steine und Wurzeln bergauf und -ab, mal mehr mal weniger steil, mal schmal, mal breit, mal rutschiger, mal fester Untergrund, sogar kleine felsige Kletterpassagen sind zu überwinden. Alex, Christian, Franz, Frank und Albert meistern das Führen souverän – wir können uns felsenfest auf sie verlassen und ihnen blind vertrauen!

 

 

Christian und Jacqueline  

 

 

Bild 3: Christian führt Jacqueline mit Hilfe der Leine. Jacqueline hält sich am Rucksack fest.

 

Albert hilft Peggy bergauf, Bruno schaut zu

 

 

Bild 4: Albert unterstützt Peggy bergauf. Bruno schaut den beiden zu.

 

Bruno, Grace und Ella kümmert das wenig. Die laufen unangeleint und suchen sich ihren eigenen Weg. Und sie haben – genau wie wir – irre viel Spaß! Sie toben herum und vergrößern die Anzahl ihrer Löcher in den Kenndecken. Grace wälzt sich glückselig und stinkt fürchterlich – keinem der 2-Beiner darf sie mehr zu nahe kommen, jedenfalls nicht ohne Grundreinigung!

Vermutlich will sie sich mit den Kühen verbünden, deren Hinterlassenschaften reichlich zu finden sind.


Kuhherden treffen wir des öfteren an. Damit es keine Schwierigkeiten gibt, müssen unsere Felligen dann natürlich an die Leine.


Albert erweist sich als der Kuhflüsterer. Er sagt, wenn man ruhig mit den Leitkühen redet, lassen sie die Wandergruppe den Weg ungefährdet passieren.

Immer wieder machen wir kleine Pausen, in denen wir am Wegrand stehende alpentypische Pflanzen (Enzian, Silberdistel usw.) beschrieben bekommen und diese anfassen können.
Auch unsere Ohren sind gefordert. Schließlich fiebern wir schon monatelang darauf, „Mörmels“ zu entdecken. Und tatsächlich: Wir haben Glück und können ihr Pfeifen vernehmen! So macht Natur-Erleben einfach Spaß!

An einer Stelle können wir sogar die etliche Kilometer entfernte Tauernautobahn hören – kaum zu glauben!

 

In der Mittagszeit haben wir in 2000 Meter Höhe eine gemütliche Stelle zum Rasten erreicht. Ein idyllischer Platz, um in Ruhe das Tagesgepäck zu erleichtern – Stärkung haben sich alle redlich verdient!
Liegt’s an der Höhenluft, dass Frank „Drogengummis“ verteilt und Christian bemerkt, dass sich sein „Sausen“ von heute früh erledigt hat? Auf alle Fälle stärkt es die Lachmuskeln aller hervorragend!

 

 

Sascha, Peggy und Jacqueline machen Pause

 

 

Bild 5: Sascha, Peggy und Jacqueline bei der verdienten Mittagspause


Auch Bruno, Grace und Ella hoffen, dass sich jemand erweichen lässt, etwas mit ihnen zu teilen. Ansonsten finden sie Ausruhen einfach langweilig und suchen sich anderweitig Beschäftigung…

Für den Abstieg zur Weissenhofalm wählen wir den gleichen Weg. Wir kommen schneller als erwartet und ohne große Schwierigkeiten voran – sind ja inzwischen ein sehr gut aufeinander eingespieltes Team geworden!

 

 

Wanderer auf dem Rückweg zur Alm

 

 

Bild 6: Abstieg zur Alm

 

Wieder bei Anni und Matthias angekommen, werden wir auf der Terrasse mit Tee, Kaffee und noch warmen Schokoladenkuchen bestens verwöhnt. Dabei reflektieren wir gemeinsam die unterwegs gesammelten Eindrücke und Erfahrungen.

Anschließend brechen fast alle noch mal zu einem etwa 1-stündigen Spaziergang entlang der Almstraße auf. Dabei nehmen wir unter Alberts Anleitung noch etwas Sonnenenergie in uns auf.
Danach gönnen sich alle eine Ruhepause.

 

Auch heute Abend verwöhnt uns Anni mit ihren Kochkünsten. Das verlangt regelrecht nach einem Verdauungsspaziergang.
Wir nehmen nochmals den Weg hinauf zum Gipfelkreuz der Weissenhofalm in Angriff. Derart sattgegessen kostet das enorme Kraft. War der Weg heute Vormittag auch schon sooo lang???
Albert versucht, Sascha, Jacqueline und mir den grandiosen Sonnenuntergang zu beschreiben. Das gelingt ihm wunderbar und ist entschädigend für jegliche Anstrengungen!
In den Bergen wird es schnell dunkel. Daher ist beim „Almabtrieb der Blinden“ etwas Eile geboten.

 

Am Abend bleibt kein Auge trocken. Wir diskutieren lebhaft über dieses und jenes mit mehr oder weniger Sinn…
… Auch diese Nacht wird wieder ziemlich kurz.

 

 

Sonntag, 12.09.2010

 

Nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen von der Weissenhofalm. Wir haben uns hier bestens aufgehoben gefühlt und danken an dieser Stelle noch einmal auf’s Herzlichste!
Vor dem Aufbruch bleibt noch Zeit für ein Gruppenfoto auf der Terrasse der Hütte.
Matthias bringt das Gepäck mit dem Auto zum Peilsteingut.

 

Wir haben uns geeinigt, direkt bis Kleinarl zu laufen. Dabei gilt es 800 Höhenmeter zu überwinden. Das erste Teilstück führt über die Almstraße und vorbei an der Seilbahn.

 

 

 Wanderer auf der Schotterstraße ins Tal

 

 

Bild 7: Wanderer auf dem Weg ins Tal

 

Danach geht es nicht mehr so eben zu; doch wir haben ja mittlerweile ein bisschen Übung. Auch durchqueren wir Wald – noch mal ein ganz anderes Laufgefühl. Stellenweise ist es sehr steil und eng. Das ist sogar für Bruno, Grace und Ella etwas schwierig. Doch dabei stehen uns Alex, Christian, Franz, Frank und Albert helfend zur Seite.

 

 Immer wieder nutzen wir Gelegenheiten, Bäume, Blätter und Blüten anzufassen.


In der Mittagssonne gönnen wir uns zur Stärkung im Gasthaus „Pröll“ eine ausgiebigere Pause.

Die Ankunft in Kleinarl ist nach der wunderschönen Zeit in der Abgeschiedenheit wie Ankommen in einer anderen Welt. Wir sind – leider – zurück in der Zivilisation…
Bei Gabriela und Stefan Aichhorn erfrischen wir uns noch mit kühlen Getränken.
Dann verstauen wir das Gepäck in den Autos und verabschieden uns von Franz und Christian.

 

Alle anderen haben das Ziel Tettenweis. Dort wartet Gerlinde mit Tiger und Mowgli ungeduldig auf uns.
Bei Lasagne klingt unser Hütten-Wochenende gemütlich und mit viel Lachen aus, natürlich nicht ohne ausführliche Berichte über das Erlebte – versteht sich von selbst!

 

 

Fazit

 

Eins haben wir alle gemeinsam: Mit Spannung und Freude Neues entdecken, Grenzen überwinden und den eigenen Horizont erweitern zu wollen. Einig sind wir uns, dass eine Behinderung dabei keine Rolle spielt!


Unser „Experiment Hüttenwochenende“ hat wieder einmal deutlich gezeigt, dass von einem unverkrampften Miteinander und dem Willen, gemeinsam neue Herausforderungen meistern zu wollen, jeder Einzelne nur lernen kann! Neue Einblicke haben beide Seiten bekommen, von denen wiederum nur profitiert werden kann!
Offenheit, Herzlichkeit, Humor, Unkompliziertheit im Umgang miteinander und das Verständnis füreinander sind die Schlüssel zum Erfolg und ermöglichen es uns, Hand in Hand über Brücken zu gehen. Alex, Bruno, Franz, Sascha, Frank, Grace, Christian, Albert, Ella, Jacqueline und ich haben dies gewagt … UND GEWONNEN!!!


Alle freuen sich riesig auf die Fortsetzung im nächsten Jahr!
… Wann ist endlich September 2011???!!!

 

 

Text: Peggy Jacob, Dogxaid e.V.
Fotos: Frank Spänig



Autor: root -- 24.02.2011 13:03:14


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